Archiv für Februar 2009

Die Dampfmühle Schadwinkel in Preußisch Eylau

Februar 7, 2009

Die Mühle Schadwinkel in Preußisch Eylau reicht mit ihrer Entstehung weit in die Zeit des Deutschen Ritterordens zurück, davon zeugten nicht nur die über 1 m dicken Steinfundamente der am  Pasmar-Fluß gelegenen Wassermühle, sondern auch Nachrichten aus alten Ordensakten. Sie wird wohl bald nach der Gründung der Burg 1326 in Schutz dieser Feste etwas unterhalb am Pasmar als Wassermühle entstanden sein und diente anfangs zur Versorgung der Burgbesatzung und später auch der sich im Schutze der Burg ansiedelnden Bürger der „Lischke Ilaw”. Von Anfang an war es eine Ordensmühle, die dem Hause Preußisch Eylau gehörte; so wird 1437 über sie gesagt: „Hält der Komtur”. Sie gehörte – wie die Burg – zur Komturei Balga und war eine Wassermühle mit „drei Rädern”, also Mahlgängen. Im Jahre 1600 hatte diese Mahlmühle (zum Unterschied der neben ihr bestehenden Walk-, Loh- und Schneidemühle) drei Gänge und klagte über wenig Wasser. Der Müller erhielt „die 5. Metze” als Lohn, also den fünften Teil des als Mahllohn einbehaltenen Getreides. Im ganzen Jahr 1600 betrug der Mahllohn 768 Scheffel Getreide, auch wurden 12 Schweine gemästet. Schon damals muß diese Mühle recht bedeutend gewesen sein; später ist sie dann in Privatbesitz übergegangen.
Im Jahre 1807 zur Zeit der Schlacht bei Preußisch Eylau gehörte die Mühle einer Familie Mey, die unter den Drangsalen der Franzosen zu leiden hatte und in die Stadt flüchtete. Diese Familie Mey blieb bis 1843 Besitzer der Mühle.
Um das Jahr 1828 zog der Müllermeister Schadwinkel nach Preußisch Eylau, der vorher von der staatlichen Domänenverwaltung die Mühle Lauth bei Königsberg gepachtet hatte. Er ließ sich am Markt 13 nieder in dem Hause des Mälzenbräuers Reimer, wo bald der Sohn Schadwinkel die einzige Tochter Henriette Reimer heiratete. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Wilhelm (1830) und  Johanna (1834). Dem jungen Schadwinkel hat wohl das Gastwirts- und Mälzenbräuergewerbe nicht recht gefallen, denn er war gelernter Müller, und als der Müller Mey seine Mühle 1843 ausbot, kaufte Schadwinkel die alte Ordensmühle und wurde wieder Müller. Sein Sohn Wilhelm Schadwinkel erlernte nach der Schulzeit 1845 ebenfalls das Müllerhandwerk und besuchte nach seiner Wanderzeit die Mühlenbauanstalt Holzminden, die er als Meister verließ. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er die Wassermühle Preußisch Eylau; er war mit Amalie Böttcher aus Liebenau bei Uderwangen verheiratet und aus der Ehe entstammten die Kinder Robert, Helene und Kurt.
Müllermeister Wilhelm Schadwinkel ging gleich mit Tatkraft ans Werk. Er stockte die Mühle und das Wohnhaus auf und verbesserte die Mühleneinrichtung. Es wurde eine Getreidereinigung eingebaut, ferner Walzenstühle und neue Sichtmaschinen angeschafft. Auch errichtete er am Mühlengebäude einen Anbau mit einem Dampfkessel, da die Wasserkraft allein schon nicht mehr die gesamte Mühleneinrichtung schaffte. Schon damals wurde elektrischer Strom für die ganze Mühle erzeugt.
Der Sohn Robert Schadwinkel hatte ebenfalls das Müllerhandwerk erlernt und die Müllerschule/Mühlenbauanstalt Holzminden besucht. Er kehrte auch als Meister zurück und übernahm 1892 die Mühle Preußisch Eylau von seinem Vater, der schon vorher wegen der großen Mehlnachfrage neben der alten Wassermühle eine Holländer-Windmühle und eine Bockwindmühle erbaut hatte. Auf der Holländermühle wurden neben Brotmehl auch Grütze und Graupen hergestellt und auf beiden Windmühlen noch Futterschrote für den ländlichen Umtausch gemahlen.
Robert Schadwinkel heiratete 1893 Helene Nicolai aus Königsberg; aus dieser Ehe gingen zwei Söhne Fritz (1894) und Erwin hervor. Er war ein tüchtiger Müllermeister, der den Betrieb so vergrößerte, daß außer der Bäckereikundschaft in Preußisch Eylau und der Landkundschaft der näheren und weiteren Umgebung der Mehlverkauf über Preußisch Eylau hinaus ausgedehnt werden konnte. Bis zum Jahre 1900 hatten sich aber die Ansprüche der Bäckerkundschaft an die Güte des Mehles   —  besonders des Weizenmehles  —  ständig erhöht, auch war der Absatz noch gestiegen. Es konnte nun nicht mehr Roggen und Weizen auf einer Mühle vermahlen werden, sondern wegen der Verschiedenheit des Vermahlungsvorganges beider Getreidesorten und ihrer Mehlqualitäten mußten diese auf getrennten Mühlen verarbeitet werden. Da entschloß sich Robert Schadwinkel im Jahre 1900 eine neue Weizenmühle zu bauen, und beauftragte damit die Firma Seck in Dresden. Es wurde ein automatischer Dampfbetrieb, bei dem das Getreide aus dem Silo über eine Wasch- und Trockenanlage und weitere Reinigung in die Mühle kam und nach Passieren der Mahl- und Sichtvorgänge — sichten ist sieben — als Mehl in einen Behälter fiel und mit einer automatischen Abfüllvorrichtung gleich in Säcke zu 100 kg abgepackt wurde.
Diese Mühle verarbeitete 30 Tonnen Weizen in 24 Stunden und hatte einen Vorratssilo von acht Zellen mit einem Gesamtinhalt von 340 t Weizen. Sie stellte alle Sorten Auszugs- und Bäckermehl sowie Grieß und Kleie her. Der frühere Anbau an der Wassermühle wurde zu einem Maschinenhaus umgebaut mit einem Zweiflammrohr-Kessel mit Überhitzer für eine Dampfmaschine von  210 PS Leistung. Geheizt wurde mit Steinkohle, die waggonweise aus dem oberschlesischen Revier bezogen wurde. Ferner richtete Robert Schadwinkel noch eine elektrische Lichtanlage mit einer 60-Zellen-Akkumulator-Batterie im Maschinenhaus ein, die sämtliche Gebäude des Mühlengrundstückes mit Licht versorgte. Die alte Wassermühle blieb Roggenmühle.
Dieser sehr moderne Betrieb war nun gerade ein Jahr gelaufen, da passierte im Sommer 1901 in einer Gewitternacht das schwere Unglück, daß die neue Mühle bis auf die Grundmauern völlig niederbrannte. Die Brandursache ist damals und auch später nie geklärt worden. Das war nun für Robert Schadwinkel ein sehr schwerer Schlag, aber er ging sofort an den Wiederaufbau, der von der bewährten Mühlenbaufirma Seck-Dresden so schnell wie möglich vorgenommen wurde. Die Mehllieferungen durften aber in der Zwischenzeit nicht stocken und so wurde denn das Weizenmehl wieder auf den Windmühlen, das Roggenmehl auf der Wassermühle gemahlen und die Belieferung der Kundschaft so gut wie möglich aufrecht erhalten.
Als die Mühle wieder voll in Betrieb war, wurde auch noch bei den Bäckereien in der Provinz Weizen- und Roggenmehl angeboten und auch gut abgesetzt. Das Geschäft florierte gut und so liefen die Jahre bis 1914 im Mühlenbetrieb und in der Landwirtschaft in gleichmäßiger Arbeit dahin. Zur Mühle gehörte ja auch noch eine große Landwirtschaft, die aus 90 ha Ackerland, 9 ha Wald und ca. 30 ha Wasser – dem Langen See bei Preußisch Eylau und dem Mühlenteich bei der Mühle bestand. Hiervon gehörten 79,75 ha zur Stadt Preußisch Eylau und 48,25 ha  zur Gemeinde Schmoditten.
Der Beginn des I. Weltkrieges brachte dem Mühlenbetrieb einen großen Rückschlag, denn es wurden etliche Betriebsangehörige sowie Pferde und Wagen eingezogen. Der Betrieb lief weiter, so gut er konnte, und überstand auch gut die kurze russische Besetzung von Preußisch Eylau Ende August 1914. Mit ein paar älteren Müllern und Kriegsgefangenen konnte die Mühle notdürftig bis Kriegsende weiterarbeiten. Aber auch danach war eine schwere Zeit, denn die steigende Inflation zerrüttete das ganze Wirtschaftsleben und die Abschneidung Ostpreußens vom Reich durch den „polnischen Korridor” verteuerte die Frachtkosten. Doch die Mühle überstand auch diese Schwierigkeiten und konnte nach der Inflation ihren Absatz wieder steigern und ausbauen.
Seit 1921 leitete Fritz Schadwinkel den Betrieb, der auch das Müllerhandwerk erlernt, auf der Mühle Kalgen die praktische und bei der Handwerkskammer Königsberg die theoretische Meisterprüfung bestanden hatte. Er war seit 1923 mit Marie Engelke aus Wahnebergen bei Verden/Aller verheiratet, die er im Kriege in einem Lazarett kennenlernte, wo sie als Kriegsschwester tätig war. Zwei Söhne Günther (1925) und Kurt (1927) stammen aus dieser Ehe.
Fritz Schadwinkel leitete den Betrieb selbständig, wurde aber erst 1941 nach dem Tode des Vaters Besitzer. Er nahm 1926 die letzte Modernisierung der alten Wassermühle vor, nachdem schon nach dem Kriege die beiden Windmühlen abgebrochen wurden. Die Firma „MIAG” aus Braunschweig baute statt des alten oberschlächtigen Wasserrades eine Turbine ein, die mit der Dampfmaschine zusammenarbeiten konnte. Die Wassermühle bekam zum Roggenvermahlen Antriebe für vier Mahlsteine, zwei größere Walzenstühle und zwei Detacheure. Ein Teil der Sichtmaschinen wurde durch zwei große zweiteilige Plansichter mit rotierenden Bürsten ersetzt. Diese Roggenmühle konnte jetzt etwa 20 t Roggen in 24 Stunden vermahlen.
Nach diesen letzten Umbauten lief der Betrieb ziemlich störungsfrei bis zum Spätsommer 1939. Er hatte eine ständige Belegschaft von 10 Personen (ohne Landwirtschaft), und zwar 2 Kontorkräfte, 4 Müller, 1 Heizer/Maschinist und 3 Mehlausfahrer. Dazu kamen noch je ein Reisender für Königsberg und die Provinz.
Mit Beginn des II. Weltkrieges wurde die Mühle ein wehrwirtschaftlicher Betrieb und hatte die Aufgabe, in einem bestimmten Rahmen die Mehlversorgung Ostpreußens mit zu übernehmen. Der Betrieb konnte mit älterem Personal und Kriegsgefangenen trotz aller kriegsbedingten Schwierigkeiten im geforderten Umfange aufrecht erhalten werden. Ende Januar 1945 schlugen schon die Granaten in der Nähe der Mühle ein und Bomben barsten rings herum. Am 31.1.1945 wurde die Mühle stillgelegt, die Turbine zur Stromerzeugung zwecks Licht auf Dynamo umgestellt und das Mehl an viele Familien verteilt. In der Nacht vom 2. zum 3.2.1945 verließ ein Treck von vier Wagen mit allen Belegschaftsmitgliedern und Gefangenen die Mühle und ging auf die Flucht. Das war das Ende der Mühle Preußisch Eylau nach mehr als 600 Jahren Bestehen und gut 100 Jahren Familienbesitz. Sie wurde zusammen mit dem Wohnhaus ein paar Tage später restlos vernichtet. Die Flucht mit den Treckwagen ging über das Haff bis Neutief, dort blieb alles zurück. Getrennt auf zwei Schiffen gelangte die Familie dann bis Swinemünde und von dort nach Wahnebergen bei Verden,  wo dann schließlich alle wieder vereint waren.

Die alte Ordensmühle von Preußisch Eylau

Die alte Ordensmühle von Preußisch Eylau

Preußisch Eylau: Die alte Ordensmühle der Stadt ging 1843 in den Besitz der Familie Schadwinkel über. Müllermeister Robert Schadwinkel baute 1900 neben der alten Wassermühle eine neue, moderne Dampfmühle auf. Diese brannte im Sommer 1901 vollständig nieder, wurde aber sofort neu aufgebaut. Letzter Besitzer Fritz Schadwinkel, der neben 30 ha Wasser noch 99 ha Land besaß. 

Die Dampfmühle von Preußisch Eylau

Dampfmühle von Preußisch Eylau

Preußisch Eylau: Die Dampfmühle von Robert Schadwinkel hatte um 1900 zur Ergänzung der Wassermühle noch zwei Windmühlen in Betrieb.  Die vordere Bock-Windmühle ruht auf einem Gestell (Bock) und wird darauf ganz in den Wind gedreht. Bei der hinteren Holländer-Windmühle wird nur der Kopf mit den Flügeln in den Wind gedreht.

Der Stadtplan von Preußisch Eylau mit der Mühle Schadwinkel

Der Stadtplan von Preußisch Eylau mit der Mühle Schadwinkel